
Gepflegte Personalpolitik: Ein pflegebewusstes Arbeitsumfeld systematisch gestalten
Gepflegte Personalpolitik: Ein pflegebewusstes Arbeitsumfeld systematisch gestalten
Jonathan Arnold von der berufundfamilie Service GmbH zeigte beim Fachtag „Versorgung sichern – Vereinbarkeit von beruflicher und privater Pflege gestalten“ des NRW-Landesprogramms im Dezember 2025 in Düsseldorf, wie ein „pflegebewusstes Arbeitsumfeld“ systematisch entwickelt werden kann. Als Auditor führt der Psychologe Gespräche mit Beschäftigen, Führungskräften und Geschäftsführungen. Die Beratung mündet in individuelle Zielvereinbarungen für Unternehmen, öffentliche Einrichtungen oder Städte und Kommunen.
Folgen fehlender Unterstützung
Eingangs benannte Arnold die Folgen fehlender Unterstützung durch Arbeitgeber. Insbesondere Allein- oder Getrennterziehende müssten aufgrund privater Pflegeaufgaben oft die Arbeitszeit reduzieren, den Job ganz aufgeben oder seien nicht entsprechend ihrer Qualifikation tätig. „Das führt zu massiven und dauerhaften Einschnitten in die finanzielle Freiheit“, so Arnold. Viele seien auf staatliche Unterstützung (Bürgergeld) angewiesen und könnten nicht für ihr Alter vorsorgen.
Umgekehrt wirke sich mangelnde Vereinbarkeit auch für die Arbeitgeber wirtschaftlich nachteilig aus. Nach einer von Arnold zitierten Studie aus dem Jahr 2011 liegen die betrieblichen Folgekosten durch Absentismus, Krankheit, Personalfluktuation, reduzierte Stundenzahl, erhöhten Supervisionsaufwand und Arbeitstätigkeit trotz Erkrankung (Präsentismus) bei 14,10 Euro pro Jahr und Person mit Pflege-/Hilfeaufgaben. „Dieser Betrag dürfte inzwischen deutlich höher liegen“, so der Referent.
Individuelle Lebens- und Pflegesituationen
Bei den individuellen Wünschen für die Vereinbarkeit greifen laut Arnold Aspekte der persönlichen und berufliche Situation der Pflegenden und die jeweilige Pflegesituation ineinander. Die Vielfalt der Lebens- und Pflegesituationen erschwere allgemeine Regelungen. Aufgrund der Arbeitsmobilität gewinne auch das Thema „Pflege auf Distanz“ immer mehr an Bedeutung.
Bei der privaten Pflege gehe es überdies nicht immer um alte Menschen: „Sechs Prozent aller Pflegebedürftigen in Deutschland sind Kinder – rund 330.000. Sie werden zu 98 Prozent von ihren Eltern gepflegt.“ In vielen Fällen sei das eine lebenslange Aufgabe.
Vom Tabuthema zur offenen Debatte
In der Wahrnehmung der Unternehmen sei Vereinbarkeit lange ein Tabuthema gewesen, stellte Arnold fest. Nach Zahlen von 2011 hatten sich 62 Prozent der befragten Personalentscheider:innen noch nicht mit dem Thema Vereinbarkeit befasst. Nur 29 Prozent der Beschäftigten kannten zu der Zeit betriebliche Angebote und Maßnahmen, darunter flexible Arbeitszeitmodelle, Teilzeitarbeit, Arbeitszeitkonten, Pflegezeit oder Homeoffice-Tätigkeit.
„Heute ist Vereinbarkeit kein Tabuthema mehr, aber das heißt nicht, dass es eine systematische Betreuung in den Unternehmen gibt“, erläuterte Arnold. Das „How-to-Problem“ sei noch da. Hemmnisse seien Zuständigkeitsfragen und die Sorge vor organisatorischem und finanziellen Mehraufwand.
Trotz zunehmender öffentlicher Wahrnehmung und Relevanz des Themas weise eine Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (2021) darauf hin, dass knapp die Hälfte der Pflegenden (48 Prozent) und knapp zwei Drittel der Eltern (64 Prozent) am Arbeitsplatz immer noch Diskriminierung im Zusammenhang mit Fürsorgeaufgaben erleben.
Wünsche pflegender Beschäftigter
Vom Arbeitgeber wünschen sich pflegende Beschäftigte nach Darstellung des Auditors vor allem eine flexiblere Zeiteinteilung und mehr Zeit in akuten Krisensituationen. Laut einer von Arnold genannten Befragung des Verbundes Pflegehilfe (2019) wünschen sich 45 Prozent der Betroffenen Sonderurlaub für Pflegeaufgaben, gefolgt von flexibleren Arbeitszeiten (39 Prozent), kurzfristiger Arbeitsfreistellung (26 Prozent), Homeoffice (19 Prozent), unbezahltem Urlaub (16 Prozent), Beratung zu entlastenden Angeboten (10 Prozent) sowie eine zeitlich begrenzte Teilzeitstelle (3 Prozent).
Die Pandemie habe in vielen Arbeitsbereichen dazu beigetragen, flexiblere Arbeitszeiten oder Homeoffice-Tätigkeiten zu etablieren. Im Gesundheits- und Pflegebereich sei das aber erheblich schwieriger umsetzen.
Systematische Ansätze
Für den Einstieg in eine systematische pflegebewusste Personalpolitik und als Leitfaden für eine aktive und offene Kommunikation rund um die Vereinbarkeit hat die berufundfamilie Service GmbH den Stufenplan „Beruf und Pflege“ erarbeitet. Er umfasst mehr als 100 mögliche Maßnahmen für die Felder Information und Beratung, pflegebewusste Führung und Unternehmenskultur, Regelungen zu Arbeitszeit, Arbeitsorganisation und Arbeitsort, Beratung, Personalentwicklung, Gesundheitsförderung, finanzielle Unterstützung und Service (Kooperation mit externen Dienstleistern).
Um abseits allgemeiner Informationen und Zahlen rasch den individuellen Vereinbarkeitsbedarf feststellen zu können, empfahl Arnold zudem den von seinem Unternehmen entwickelten Zehn-Punkte-Schnelltest. Er steht auch auf der Website des Landesprogramms „Vereinbarkeit Beruf & Pflege“ zur Verfügung.
Praxisbeispiele für gelungene Vereinbarkeit
Der Referent nannte mehrere Praxisbeispiele für Vereinbarkeitslösungen. Ihnen allen ist gemein: Es gibt feste Ansprechpersonen für die Mitarbeitenden und einen konstruktiven und offenen Umgang mit dem Thema. Unter anderem nannte Arnold diese Best-Practice-Beispiele:
- Die Niels-Stensen-Kliniken im Landkreis Osnabrück haben Ansprechpersonen für die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege benannt. Im Intranet gibt es einen Pflegeleitfaden und eine Checkliste zum Thema. Die zum Unternehmen gehörenden Altenpflegeheime unterstützen Beschäftigte kurzfristig, kurzzeitig und unbürokratisch. Bei Freistellung für private Pflege gibt es die Möglichkeit zur finanziellen Unterstützung. In Zusammenarbeit mit lokalen Partnern wurde eine digitale Pflegereihe mit Vorträgen zur privaten Pflegeverantwortung aufgelegt.
- Die Gesundheitseinrichtungen der Vitos-Gruppe ermöglichen auch Beschäftigten mit Leitungsfunktionen Teilzeittätigkeit und flexible Arbeitszeitmodelle. Das Unternehmen setzte dabei nicht auf „starre Konzepte“: Lösungen entstehen im Team, angepasst an den jeweiligen Einsatzbereich und die individuelle Lebenssituation. Mit dem Modell „Führen in Teilzeit“ will das Unternehmen insbesondere für Fach- und Führungskräfte mit familiären oder pflegerischen Aufgaben attraktiv bleiben.
- Auch eine Klinik in Hamburg mit mehr als 3.000 Mitarbeitenden setzt auf Vereinbarkeitslösungen bei der Führungskräfte-Entwicklung. Die Einrichtung setzt auf altersgemischte Teams, um gegenseitige Entlastung und Verständnis füreinander zu fördern. Für Führungskräfte gibt es Schulungen, Einzel-Coaching und jährliche Rückkehrergespräche. Leitende Ärztinnen und Ärzte übernehmen eine Vorbildrolle für gelebte Familienfreundlichkeit.
Arnolds Appell zum Abschluss: „Mit Blick auf den demografischen Wandel wird Pflege nicht die Ausnahme bleiben, sondern zum Normalfall. Für Unternehmen ist es deshalb nie zu früh, das Thema anzupacken.“
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Für alle Fragen rund um das Landesprogramm steht Ihnen Bianca Heep unter der Telefonnummer 030 / 2218298 30 oder per E-Mail an berufundpflege@kda.de gerne zur Verfügung.
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