Vereinbarkeit neu denken: Drei Perspektiven aus Bocholt auf Beruf, Familie und Pflege

22.04.2026|Vereinbarkeit

Vereinbarkeit neu denken: Drei Perspektiven aus Bocholt auf Beruf, Familie und Pflege

Vor wenigen Monaten wurde in Bocholt das „Netzwerk Vereinbarkeit“ gegründet. Unternehmen, Kommune und weitere Akteure wollen sich dort künftig darüber austauschen, wie sich Beruf, Familie und private Pflegeverantwortung besser miteinander vereinbaren lassen.

Doch welche Herausforderungen beschäftigen Unternehmen und Beschäftigte heute tatsächlich? Welche Rolle spielt die Pflege von Angehörigen dabei? Und warum braucht es dafür neue Formen der Zusammenarbeit?

Über diese Fragen haben wir mit Jennifer Middelkamp (Vorstandsmitglied des Bündnis für Familie in Bocholt e. V.), Vanessa Weyrauch (Teamlead Talent Acquisition & Employer Branding bei der Flender GmbH) und Antje Schlütter (Pflegekoordinatorin der Stadt Bocholt) gesprochen. Ihre Antworten zeigen: Vereinbarkeit ist heute komplexer denn je. Für Unternehmen geht es um Fachkräftesicherung und attraktive Arbeitsbedingungen. Für Kommunen geht es um die Unterstützung pflegender Angehöriger und die Bewältigung des demografischen Wandels. Gemeinsam ist allen Beteiligten die Erkenntnis, dass Vereinbarkeit längst mehr umfasst als die Betreuung von Kindern oder flexible Arbeitszeiten.

Vereinbarkeit betrifft immer mehr Lebensphasen

„In den Unternehmen spricht man schon lange von lebensphasenorientierter Personalarbeit“, sagt Jennifer Middelkamp. Die Bedürfnisse von Beschäftigten veränderten sich im Laufe ihres Lebens immer wieder. Während in einer Phase Kinderbetreuung oder der Hausbau im Vordergrund stehen, rücken später möglicherweise die Pflege von Angehörigen oder gesundheitliche Belastungen in den Fokus.

Diese Entwicklung spiegelt sich auch in den Gesprächen wider, die Middelkamp in ihrer Tätigkeit für den Unternehmerverband mit Unternehmen führt. Viele Betriebe hätten bereits zahlreiche Maßnahmen etabliert, die im Alltag oft als selbstverständlich wahrgenommen würden, wie flexible Arbeitszeiten oder individuelle Unterstützung in besonderen Lebenssituationen. Der Austausch darüber sei jedoch häufig begrenzt.

„Viele Unternehmen stehen vor ähnlichen Herausforderungen – und haben oft schon gute Antworten gefunden. Wenn man dieses Wissen zusammenbringt, profitieren am Ende alle davon“, so Middelkamp.

Genau das ist die Idee hinter dem Netzwerk: Es schafft einen Raum, in dem Erfahrungen geteilt, Ideen weiterentwickelt und neue Perspektiven gewonnen werden können.

Wenn Pflege Teil des Arbeitsalltags wird

Besonders deutlich wird der Wandel beim Thema Pflege. Während die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in vielen Unternehmen bereits fest verankert ist, gewinnt die Unterstützung pflegender Angehöriger zunehmend an Bedeutung.

„Viele Menschen versuchen, ihre Erwerbstätigkeit mit der Versorgung von Angehörigen zu koordinieren und geraten dabei schnell an ihre Grenzen“, berichtet Antje Schlütter. In ihrer täglichen Arbeit erlebt sie, dass Betroffene häufig nicht nur vor organisatorischen Herausforderungen stehen, sondern sich auch im komplexen Unterstützungssystem orientieren müssen.

Hinzu kommen Fragen der Finanzierung, geeigneter Wohnformen oder der Vereinbarkeit verschiedener Verantwortlichkeiten. Auch Einsamkeit und psychische Belastungen seien Themen, die sowohl pflegebedürftige Menschen als auch pflegende Angehörige zunehmend betreffen.

Für die Stadt Bocholt war dies ein wichtiger Grund, sich aktiv in das Netzwerk einzubringen. Ziel ist es, Unternehmen für die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf zu sensibilisieren und gleichzeitig bestehende Unterstützungsangebote bekannter zu machen.

„Pflege wird aufgrund des demografischen Wandels und des Fachkräftemangels in Zukunft immer stärker Familien und Beschäftigte betreffen“, betont Schlütter. Umso wichtiger sei es, das Thema frühzeitig in Unternehmen zu verankern.

Auch Industrieunternehmen stehen vor neuen Herausforderungen

Wie relevant diese Entwicklung bereits heute ist, zeigt das Beispiel der Flender GmbH. Das Unternehmen beschäftigt zahlreiche Mitarbeitende in Produktion und Schichtbetrieb. In diesen Arbeitsbereichen muss Vereinbarkeit oft unter anderen Voraussetzungen gestaltet werden als im klassischen Büro.

„Als produzierendes Unternehmen mit Schichtsystem erleben wir Vereinbarkeitsthemen besonders intensiv“, erklärt Vanessa Weyrauch. Gleichzeitig beobachte das Unternehmen, dass immer mehr Beschäftigte neben ihrer beruflichen Tätigkeit Verantwortung für Kinder oder pflegebedürftige Angehörige übernehmen.

Besonders präsent sei aktuell die Frage, wie sich Führungsverantwortung und Familie miteinander vereinbaren lassen. Gleichzeitig rücke die Pflege von Eltern oder anderen Angehörigen zunehmend in den Fokus.

Flender verfolgt deshalb einen breiteren Ansatz, der unterschiedliche Lebensrealitäten berücksichtigt. Neben individuellen Lösungen setzt das Unternehmen auf strukturelle Angebote. Über die interne Plattform „Beruf & Leben“ erhalten Beschäftigte beispielsweise Informationen zu Themen wie Pflege, Erziehung oder Auszeiten vom Beruf.

Für Weyrauch steht dabei nicht allein das Angebot im Vordergrund, sondern die Unternehmenskultur: „Angebote wie Pflegetage oder flexible Modelle helfen nur, wenn ihre Nutzung tatsächlich gewünscht und unterstützt wird.“

Gemeinsam Lösungen entwickeln

Hier sehen alle Beteiligten den Mehrwert des Netzwerks. Unternehmen können voneinander lernen und Herausforderungen offen diskutieren. Gleichzeitig bringen kommunale Akteure ihr Fachwissen und bestehende Unterstützungsstrukturen ein.

Für Antje Schlütter liegt darin ein besonderer Vorteil: Gerade kleinere Unternehmen müssten nicht zwangsläufig eigene umfangreiche Strukturen aufbauen, sondern könnten auf bestehende Angebote und lokale Expertise zurückgreifen.

Auch Jennifer Middelkamp sieht im offenen Austausch eine große Chance. Besonders wertvoll sei die Möglichkeit, Erfahrungen aus der Praxis zu teilen, und zwar nicht nur Erfolgsmodelle, sondern auch Herausforderungen und Lösungswege. „Die besten Netzwerke entstehen nicht am Reißbrett, sondern aus echten Bedarfen und persönlichem Austausch“, sagt sie.

Ein Beispiel mit Signalwirkung

Das Bocholter Netzwerk Vereinbarkeit zeigt, wie sich unterschiedliche Perspektiven zu einem gemeinsamen Anliegen verbinden lassen. Unternehmen bringen ihre Erfahrungen aus dem Arbeitsalltag ein, die Kommune ihre Expertise rund um Pflege und Unterstützungsangebote. Gemeinsam entsteht ein Netzwerk, das Vereinbarkeit umfassender denkt und auf aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen reagiert.

Gerade darin liegt der Good-Practice-Charakter der Initiative: Sie macht sichtbar, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege keine Aufgabe einzelner Akteure ist, sondern nur im Zusammenspiel von Unternehmen, Kommunen und Unterstützungsstrukturen gelingen kann.

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