
Studieren mit privater Pflegeverantwortung
Studieren mit privater Pflegeverantwortung
„Wir haben gelernt, uns ein verlässliches Netzwerk aufzubauen“
Pflegeverantwortung wird oft als etwas wahrgenommen, das Betroffene „mittragen“ müssen, zusätzlich zu Studium oder Beruf. Doch langfristig gelingt Vereinbarkeit selten allein. Pflegende Angehörige sind darauf angewiesen, Menschen im Umfeld zu haben, denen sie vertrauen können, und Unterstützung anzunehmen.
Wie wichtig solche Netzwerke sind, berichtet Judith Steinkamp im Gespräch mit dem NRW-Landesprogramm Vereinbarkeit Beruf & Pflege. Während ihres dualen Studiums pflegte sie gemeinsam mit ihrem Vater ihre erkrankte Mutter. Dabei stellte sie fest, dass es grundlegend ist, über die eigene Situation vertrauensvoll sprechen zu können.
Unterstützung beginnt mit Vertrauen
Zu Beginn ihres Studiums sprach Judith Steinkamp nur mit wenigen Menschen über ihre familiären Umstände. Erst nach und nach entstand das Vertrauen, sich zu öffnen:
„Mit wachsendem Vertrauen fiel es mir immer leichter, mich zu öffnen und mehr zu teilen.“
Schließlich vertraute sie sich einer Professorin an, als die Belastung insbesondere während eines Praxiseinsatzes immer größer wurde. Rückblickend beschreibt sie diese Offenheit als wichtigen Schritt. Denn Unterstützung kann nur entstehen, wenn das Umfeld überhaupt von der Situation weiß.
Pflege im Netzwerk organisieren
Gemeinsam mit ihrem Vater organisierte Judith Steinkamp die Versorgung ihrer Mutter und bezog dabei weitere Unterstützungsangebote mit ein.
„Im Laufe der Zeit waren mehrere Menschen in die Unterstützung eingebunden, und wir haben gelernt, uns ein verlässliches Netzwerk aufzubauen.“
Neben familiärer Unterstützung spielte auch das soziale Umfeld eine wichtige Rolle. Eine Freundin der Mutter unterstützte im Rahmen der Verhinderungspflege insbesondere am Vormittag. Zusätzlich entlasteten haushaltsnahe Dienstleistungen im Alltag, etwa beim Einkaufen oder bei organisatorischen Aufgaben.
Dabei wird deutlich: Pflege umfasst weit mehr als körpernahe Versorgung. Judith Steinkamp beschreibt ihren eigenen Pflegeaufwand zunächst „mit etwa 14 Stunden pro Woche“. Gleichzeitig ergänzt sie jedoch:
„Darüber hinaus kümmere ich mich um viele organisatorische Aufgaben, wie Anträge, Formalitäten und die Koordination von Arztbesuchen.“
Ihre Formulierung macht sichtbar, das organisatorische Verantwortung oft unterschätzt wird, obwohl solche Tätigkeiten ein wesentlicher Bestandteil von Pflege sind.
Besonders herausfordernd: Praxisphasen und Schichtdienst
Während der theoretischen Studienphasen gelang es Judith Steinkamp noch vergleichsweise gut, sich kleine Freiräume zu schaffen und auch auf die eigene Erholung zu achten. In den Praxisphasen ihres dualen Studiums änderte sich dies jedoch deutlich. Lange Fahrtwege, Schichtdienst und wenig selbstbestimmte Zeit machten die Organisation zuhause wesentlich schwieriger.
Dennoch sagt sie:
„Trotzdem habe ich dank unseres familiären Netzwerks nie ernsthaft daran gedacht, aufzuhören oder zu pausieren – ich habe immer weitergemacht.“
Entlastung bedeutet auch: Zeit für sich selbst schaffen
Neben der organisatorischen Unterstützung half das Netzwerk Judith Steinkamp auch dabei, sich bewusst kleine Rückzugsräume zu ermöglichen. Trotz aller Verantwortung versuchte sie, Zeit für ihren Partner, ihre Hobbys und kurze Erholungsmomente zu schaffen.
Solche Auszeiten sind für pflegende Angehörige keine Nebensache, sondern eine wichtige Voraussetzung, um langfristig gesund zu bleiben und die Belastungen bewältigen zu können.
„Wir haben es gemeinsam geschafft“
Besonders gegen Ende des Studiums wurde die Belastung noch einmal groß: Praxisphase, Prüfungen und Bachelorarbeit fielen zeitgleich zusammen. Hinzu kamen kurzfristige organisatorische Änderungen im Praxiseinsatz.
Dass sie ihr Studium dennoch erfolgreich abschließen konnte, führt Judith Steinkamp vor allem auf die Unterstützung ihres Umfeldes zurück:
„Auch diese Situation konnten wir jedoch gemeinsam meistern – mit Unterstützung unseres Netzwerks und meiner Professorin.“
Das Interview hat gezeigt: Die Vereinbarkeit von Pflege und Studium ist keine individuelle Aufgabe. Sie gelingt besser, wenn Menschen offen über ihre Situation sprechen und verlässliche Netzwerke aufbauen können.
