Rückblick „Praxis-Dialog“: Austausch der Pflege-Guides in Essen

22.04.2026|Vereinbarkeit

Rückblick „Praxis-Dialog“: Austausch der Pflege-Guides in Essen

Das Landesprogramm Vereinbarkeit Beruf & Pflege NRW hatte eingeladen und rund 120 Pflege-Guides aus ganz Nordrhein-Westfalen waren zum „Praxisdialog“ gekommen. Betriebliche Pflege-Guides oder auch Pflege-Lotsen sind erste Ansprechpartner in Unternehmen, Behörden und Organisationen für Beschäftigte mit privater Pflegeverantwortung. Beim Treffen im Haus der Technik in Essen ging es vor allem um den Austausch, um das Vernetzen – nach dem Motto: Gemeinsam ist man stärker. Aber es wurden auch vier Schwerpunktthemen gesetzt, zu denen es jeweils sehr lebendige Workshops gab.

Im Mittelpunkt stand zunächst der gemeinsame Austausch. Als voller Erfolg stellten sich dabei Formate wie das „Speed Dating“ und die Interviewrunden heraus. So konnten sich Pflege-Guides aus den verschiedensten Betrieben, Behörden und Organisationen vernetzen. Die neuesten Pflege-Guides hatten ihre Qualifikation gerade erst seit einigen Tagen, andere blickten bereits auf viele Jahre Erfahrung zurück. So groß die Unterschiede etwa in der Größe der Arbeitgebenden, der Branchen oder der Jobanforderungen auch waren – die Fragen, die Herausforderungen und vor allem die hohe Bereitschaft, sich der manchmal schwierigen Situation der Kolleg:innen anzunehmen, waren bei allen ähnlich.

In manchen Unternehmen, so stellte sich heraus, wurde dieses Engagement ausdrücklich unterstützt, in anderen müssen die Pflege-Guides immer mal wieder den Wert einer Vereinbarkeitskultur und -struktur für die Mitarbeitenden und damit für die Abteilungen und die Arbeitgebenden insgesamt deutlich machen. „Bei uns läuft es super, seit der Chef selbst seine Frau pflegen musste“, formulierte eine Gleichstellungsbeauftragte, die auch Pflege-Guide in ihrem Unternehmen ist.

Netzwerke bilden

„Netzwerken als betrieblicher Pflege-Guide nach innen und außen“, so lautete auch der Titel eines der vier Workshops. Verena Lödding, Expertin für Personalpolitik und Organisationsstrukturen, richtete den Blick zunächst nach innen, ins Unternehmen. Wie dort das Vereinbarkeitsthema sichtbar machen, für das Thema sensibilisieren?  Der Einstieg gelingt den meisten oft gut nach der 2,5-tägigen Qualifikation zum Pflege-Guide. Die Firmenleitungen wünschen sich dann oftmals eine Vorstellung bei den Kolleg:innen. Doch dann geht es ums Dranbleiben – und da helfen eine motivierte Leitung und engagierte Kolleg:innen, etwa Betriebsräte, Gesundheits-, Behinderten- oder Gleichstellungsbeauftragte. Und welche Gelegenheiten nutzen? Die Antworten reichten von:

  • Interne Veröffentlichungen wie Begrüßungsmappen, Newsletter, Firmenpodcasts, Intranet, Plakate in der Firma oder eigene Rundmails schreiben.
  • Bei Veranstaltungen wie Betriebsversammlungen, Weihnachtsfeiern, Gesundheits- oder Familientagen und ähnlichem präsent sein.
  • Manche Pflege-Guides organisieren Vortragsreihen und Pflege-Cafés, informieren in der Mittagspause oder nutzen Führungskräfte-Trainings gemeinsam mit der Personalabteilung oder dem Gesundheitsmanagement.

Tipps waren hier: „Erst einmal andocken an bestehende Möglichkeiten, neu erfinden ist etwas schwieriger.“ Vorgesetzte, Personaler und Betriebsräte immer mal wieder bei Gelegenheiten auf das Thema ansprechen. Geübt wurden hier der klassische „Elevator-Pitch“ und der Umgang mit kritischen Nachfragen.

Beim Vernetzen mit externen Stellen geht es zunächst um die erste Kontaktaufnahme, bei der man sich als betrieblicher Pflege-Guide vorstellt. So kommt man auf Kontaktlisten, wird eingeladen zu Veranstaltungen, baut sich nach und nach ein Netz auf, das schließlich den betroffenen Kolleg:innen zugutekommen kann. Hilfreich sind hier nicht nur die örtlichen Pflegedienste und Beratungsstellen wie die Regionalbüros Alter, Pflege und Demenz sowie die Pflegestützpunkte, sondern auch die örtlichen Krankenkassen, die Alzheimergesellschaft, der Sozialverband VdK. Sie unterstützen nicht nur mit Informationen und dem Weiterlotsen der pflegenden Kolleg:innen, sondern auch, wenn es darum geht, Veranstaltungen zu organisieren und Experten zu stellen.

Tipps waren hier: Den „betrieblichen Pflegekoffer“ auf der Website des Landesprogramms Beruf & Pflege NRW nutzen, der regelmäßig vom Servicezentrum des Landesprogramms aktualisiert wird und auch regionale Ansprechpartner auflistet. Zudem bietet die Website ein Forum, in dem man sich mit anderen Pflege-Guides austauschen kann. Und: Auch Sanitätshäuser oder Apotheken ansprechen, sie stellen häufig unkompliziert und schnell Hilfsmittel wie Bandagen oder einen Rollstuhl zur Verfügung und kümmern sich um Anträge für Hilfsmittel.

Verluste erleben und Trauer

In weiteren Workshops ging es um die „Selbstpflege“ als Pflege-Guide, um „lösungsorientierte Kommunikation“ und um den Umgang mit „Verlusterleben und Trauer durch die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege“, wenn Kolleg:innen infolge der Pflegeverantwortung vieles umstellen müssen, manchmal auf eigene Wünsche verzichten müssen oder sogar einen Angehörigen verlieren.

Kursleiterin Dr. Anne Werner, die sich auf Change-Prozesse und Trauerbegleitung spezialisiert hat, beantwortete zunächst eine Frage: Was haben Verlust und Trauer mit Pflege-Guides zu tun? Trauer, so erklärte sie, verbinden wir allgemein mit einem Todesfall. Doch sei Trauer vielfältig und stelle sich fast immer ein, wenn es einen Verlust zu verarbeiten gelte. Das könne der Verlust von Freiheit sein, wenn eine Pflegeaufgabe einschränkt, der Verlust von beruflichen oder privaten Zielen, der Verlust von  Zuversicht, dass sich bald wieder alles zum Besseren wandeln werde. „Trauer, die nicht zugelassen wird, kann zu Depressionen führen“, mahnte Dr. Werner.

Gerade im beruflichen Umfeld neigten die Menschen dazu, zu funktionieren. Als Symbol hatte Frau Werner das Bild eines Elefanten mitgebracht, der oft im Raum stehe. Wenn es dann jemanden gebe, mit dem Betroffene einmal vertraulich sprechen könnten und auch die Wirkungen der häuslichen Situation auf das berufliche Umfeld beschreiben können sowie die vielleicht vorhandenen finanziellen Ängste und die Überforderung, wäre das „Gold wert“.  Tatsächlich helfe schon das mitfühlende Zuhören in einem „unabdingbar vertraulichen Rahmen“ enorm weiter. Hilfreich wäre die Frage. „Wie geht es Dir gerade?“, um ein Gespräch zu eröffnen. Das „gerade“ vereinfache die Antwort. Dr. Werner stellte zudem ein Plakat vor, das die verschiedenen Aspekte der Trauer als Gefühlslandschaft darstellt, in der jeder einen Ort finden kann, an dem er sich gerade gefühlsmäßig befindet. Auch das eröffne Gesprächsmöglichkeiten.

Die Kursleiterin betonte jedoch auch: „Sie sind nicht die Therapeuten.“  Wenn die Kollegin, der Kollege es wünsche, könnten Hilfsangebote vermittelt und mit der Geschäftsführung/Abteilungsleitung über Vereinbarkeitsmöglichkeiten gesprochen werden. Dann wäre es gut, sich abzusprechen, wie viel Privates im Betrieb bekannt sein sollte, um angemessene Lösungen finden zu können – die auch nachjustiert werden müssten, wenn sich etwas ändert.

Die Kursteilnehmenden erfuhren auch, dass die Trauerphasen, von denen früher oft gesprochen wurde, überholt sind. Phasen wirkten wie abgeschlossenen Einheiten, das treffe jedoch nicht zu. All die vielen Gefühle, die mit Trauer verbunden sind, die „Trauer-Facetten“, könnten zu jeder Zeit in unterschiedlicher Ausprägung wiederkommen. Gegen die Hilflosigkeit angesichts des enormen Organisationsaufwandes, den Pflegebedürftigkeit mit sich bringt, helfe eine gute Vernetzung. Je konkreter der Pflege-Guide zu regionalen Angeboten vermitteln könne, umso besser. Bei Fragen zu bestimmten Situationen wurden etwa die Schuldnerberatung genannt, die Anonyme Alkoholiker oder Selbsthilfegruppen. Hier wies die Kursleiterin auch auf ein Hilfsangebot in einem besonderen Fall hin: Wenn es ein Suiziderlebnis in der Familie gebe, so könne man sich an die Hilfsorganisation AGUS wenden.

Tipps waren hier: Gefühle dürfen gezeigt und zugelassen werden. „Trauer ist die Lösung, nicht das Problem“, zitierte die Kursleiterin die Trauer-Expertin und Buchautorin Chris Paul. Der Pflege-Guide könne nach einem „Gerüst“ fragen, nach der Familie, Freunden, Nachbarn, die vielleicht unterstützen könnten – zusätzlich zu den Unterstützungsleistungen im Alltag. Er könne fragen, ob schon einmal ein Trauererlebnis verarbeitet wurde, denn dann könne der Betreffende daran eventuell anknüpfen und so etwas Hoffnung schöpfen. Und: Pflege-Guides sollten sich selbst schützen und lieber nur eine „professionelle Nähe“ zulassen, riet Trauerbegleiterin Dr. Werner. Vielleicht gebe es einen Betriebsarzt oder sogar Psychologen, den man abgesehen von den externen Hilfsangeboten mit Einverständnis des Betreffenden hinzuziehen könnte.

Weiterführende Links zum Thema Trauer am Arbeitsplatz:

Gefühlskarte „Trauerbewältigung“

Buch: Trauer am Arbeitsplatz

Chris Paul, Buchautorin und Trauerexpertin

Hilfsorganisation AGUS

Bei Fragen wenden Sie sich bitte an Adelheid von Spee, Servicezentrum des Landesprogramms Vereinbarkeit Beruf & Pflege im Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA): berufundpflege@kda.de

Eindrücke aus dem „Praxisdialog“ 2026 der Pflege-Guides und Pflege-Lotsen:

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