
"Pflegende aus dem Gesundheitswesen haben es mit einer besonderen Erwartungshaltung zu tun"
„Pflegende aus dem Gesundheitswesen haben es mit einer besonderen Erwartungshaltung zu tun“
„Unsere Leute können das ja.“ Dieser Auffassung begegnet Greta Ollertz bei ihrer Tätigkeit für das NRW-Landesprogramm Vereinbarkeit Beruf & Pflege regelmäßig, wenn sie mit Arbeitgebern aus den Bereichen Gesundheit und Pflege spricht. „Pflegende aus dem Gesundheitswesen haben es mit einer besonders fordernden Erwartungshaltung von vielen Seiten zu tun“, erläuterte die Projektleiterin in ihrem Impulsvortrag beim Fachtag des Landesprogramms „Versorgung sichern – Vereinbarkeit von beruflicher und privater Pflege gestalten“ im Dezember 2025 in Düsseldorf.
„Es wird vorausgesetzt, dass professionelle Pflegekompetenz auch informelle Pflegekompetenz einschließt“, so Ollertz. Das betreffe nicht nur die Ansprüche von Seiten der Pflegebedürftigen und der Familien, sondern auch die Erwartungen von Vorgesetzten, Kolleginnen und Kollegen oder Versorgungsanbietern. Privat zu pflegen, sei jedoch eine völlig andere Situation. Die Rollenvermischung führe zu Stress und Konflikten. „In diesem besonderen Spannungsfeld bitten die Betroffenen selten um Hilfe, und es wird ihnen auch so gut wie keine Hilfe angeboten. Arbeitgeber und Kollegen haben den Eindruck, dass die das wuppen. Es wird deshalb kaum drüber gesprochen.“
Rund 770.000 Menschen in NRW leisten Pflegearbeit und sind gleichzeitig erwerbstätig
Vor ihrem speziellen Blick auf die Beschäftigten in Gesundheit und Pflege nannte Ollertz wesentliche Pflege-Kennzahlen für Nordrhein-Westfalen: Allein zwischen Rhein und Weser leben 1,39 Millionen pflegebedürftige Menschen mit einem Pflegegrad – das entspricht 7,6 Prozent der Landesbevölkerung. Rund 88 Prozent werden zu Hause gepflegt – mehr als die Hälfte ausschließlich privat versorgt, ohne Unterstützung durch ambulante Dienste. Dabei geht es neben der Pflege von Eltern oder Schwiegereltern (56,2 Prozent) auch um die pflegerische Betreuung von Ehepartnern oder Partnern (knapp 21 Prozent) und in einer nicht unwesentlichen Größenordnung um die Pflege von Kindern (12,8 Prozent). In vollstationärer oder Kurzzeitpflege lebten in NRW zuletzt nur 12,2 Prozent der Pflegebedürftigen.
„Konservativ gerechnet leisten in NRW rund 770.000 Menschen Pflegearbeit und sind gleichzeitig erwerbstätig“, berichtete die Projektleiterin. Das entspreche rund acht Prozent aller Mitarbeitenden über alle Branchen verteilt. Im Gesundheits- und Pflegebereich sei dieser Anteil deutlich höher. Eine Doppelbelastung mit Folgen: „Wenn die Pflege nicht mit der Arbeit vereinbar ist, dann wechseln die Angehörigen oft in eine Teilzeittätigkeit, kündigen ganz oder werden krank.“ Häufig opferten Pflegende ihren eigenen Erholungsurlaub für die private Aufgabe. Nach Daten aus einer Erwerbstätigenbefragung, die Ollertz vorstellte, haben Berufstätige, die privat pflegen, mehr gesundheitliche Beschwerden und mehr Krankheitstage als andere. Dabei geht es vor allem um allgemeine Ermüdung, körperliche und emotionale Erschöpfung, Nacken-, Kreuz- und Kopfschmerzen.
Gutes betriebliches Gesundheitsmanagement ist entscheidend
„Inzwischen hat jedes Unternehmen Mitarbeitende, die private Fürsorge leisten. Jedes Unternehmen muss sich deshalb dieser Aufgabe stellen“, betonte Ollertz. Gutes betriebliches Gesundheitsmanagement könne den Krankenstand senken. Was für das Berücksichtigen von Familie und Kindern bei einer flexibleren Arbeitszeitgestaltung normal sei, müsse auch für Pflegende gelten. Ollertz empfahl den Unternehmen und Einrichtungen zudem, den innerbetrieblichen Austausch zu fördern. Sei es durch ein „Pflege-Café“ oder das Unterstützen digitaler Angebote und kurzer Treffen. Als weitere Möglichkeiten betrieblicher Unterstützung nannte sie Sonderurlaubstage für pflegende Angehörige oder die Möglichkeit für Mitarbeitende, betriebseigene Angebote wie Kurzzeitpflege oder Pflegeberatung zu nutzen. „Es kostet nicht viel, die eigenen Leute schnell zu entlasten“, so Ollertz. Wichtig sei das Sensibilisieren von Führungskräften und das Anbieten fester Ansprechpersonen für das Vereinbaren von Job und Pflege.
Als direkte betriebliche Ansprechpartner fungieren insbesondere Pflege-Guides. Dieses vom Servicezentrum mitentwickelte Modell erfreue sich wachsender Beliebtheit, sagte Ollertz. Bis Ende Dezember 2025 hatten sich über die von der AOK Rheinland/Hamburg und der AOK Nordwest durchgeführten zweieinhalbtägigen Schulungen bereits 1.161 Pflege-Guides qualifiziert. „Sie kennen das Unternehmen, geben erste Orientierung, informieren über innerbetriebliche und externe Hilfsangebote und vermitteln zwischen Arbeitgebern und den Beschäftigten“, so Ollertz. Das Servicezentrum stehe den Pflege-Guides fortlaufend als Ansprechpartner zur Seite und sorge für einen überbetrieblichen Austausch.
Das Landesprogramm bietet Unterstützung für Arbeitgebende
Die Expertinnen und Experten des Landesprogramms beraten und begleiten die teilnehmenden Arbeitgeber bei der Umsetzung konkreter Unterstützung für Berufstätige, die in private Pflegeaufgaben eingebunden sind. Das betrifft neben Qualifizierung und Weiterbildung von betrieblichen Ansprechpersonen und Führungskräften auch Möglichkeiten zum Austausch und zum Vernetzen, das Einbinden der Mitarbeitenden bei der Gestaltung von Angeboten, Online-Angebote für pflegende Angehörige und den Zugang zum „digitalen Pflegekoffer NRW“ mit umfangreichen Informationen. Auf Wunsch ermitteln die Expertinnen und Experten des Landesprogramms über eine individuelle Belegschaftsbefragung den konkreten Bedarf im einzelnen Unternehmen. „Unsere Angebote haben wir nicht etwa allein im stillen Kämmerlein entwickelt, sondern sie sind in den vergangenen vier Jahren in vielen Gesprächen und im intensiven Austausch mit Arbeitgebern entstanden“, betonte die Projektleiterin.
Best-Practice aus dem Luisenhospital in Aachen
Mit einem Best-Practice-Film über das Luisenhospital Aachen präsentierte Ollertz ein gelungenes Beispiel für mehr Vereinbarkeit. Im Film berichten Mitarbeiterinnen des Luisenhospitals eindrücklich über ihre individuellen Situationen und die Unterstützung durch ihren Arbeitgeber. In dem Gesundheitsunternehmen gibt es inzwischen drei Pflege-Guides als Ansprechpartner für die rund 1.500 Beschäftigten. Seit 2023 gewährt der Träger Mitarbeitenden für das Regeln wichtiger Angelegenheiten für An- und Zugehörige mit Pflegegrad 3 und höher zwei Tage Sonderurlaub – ein „wichtiges Signal“, das bei den Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmern auf großes Interesse stieß.
„Das sichtbare Engagement für eine bessere und nachhaltige Vereinbarkeit von Beruf und Pflege stärkt auch die Arbeitgebermarke“, unterstrich Ollertz. Gelingende Vereinbarkeit sei deshalb besonders im Gesundheitswesen ein wichtiger Beitrag zur Fachkräftesicherung. „Unternehmen, die hier ein Zeichen setzen, unterstützen nicht nur ihre Mitarbeitenden, sondern werden es auch bei der Suche nach qualifizierten Mitarbeitenden einfacher haben.“
Sie interessieren sich für das Thema „Vereinbarkeit von Beruf und Pflege“?
Für alle Fragen rund um das Landesprogramm steht Ihnen Bianca Heep unter der Telefonnummer 030 / 2218298 30 oder per E-Mail an berufundpflege@kda.de gerne zur Verfügung.