Pflege und (Aus-)Bildung vereinbaren: Was junge Pflegende brauchen

22.04.2026|Vereinbarkeit

Ergebnisse der ersten Runde der Delphi-Umfrage im Rahmen des InterCare-Projekts

Die Situation junger Menschen, die neben Schule, Ausbildung oder Studium Verantwortung für einen pflegebedürftigen Angehörigen übernehmen, ist in der öffentlichen Wahrnehmung oft nicht sichtbar. Das internationale InterCare-Projekt untersucht, wie junge Pflegende im Bildungssystem besser berücksichtigt und unterstützt werden können. Die Ergebnisse der ersten Delphi-Umfrage geben wichtige Hinweise darauf, wo Handlungsbedarf besteht.

Junge Pflegende im Bildungssystem im Blick

Im Rahmen des InterCare-Projekts wird die Situation junger Pflegender im Bildungssystem in Deutschland, Polen und Großbritannien untersucht. Die Delphi-Umfrage richtet sich an Stakeholder und erfasst deren Wahrnehmungen und Erfahrungen im Hinblick auf junge Pflegende.

In einer ersten Befragungsrunde schätzten die Befragten, dass rund 20 Prozent der jungen Menschen im Bildungssystem gleichzeitig pflegende Angehörige sind. Dabei weisen die Ergebnisse selbst darauf hin, dass diese Einschätzung mit Unsicherheiten verbunden ist und auch die Definition des Begriffs „junge Pflegende“ unterschiedlich verstanden werden kann.

Wenn Pflege im Bildungsalltag unsichtbar bleibt

Als besonders große Herausforderungen für junge Pflegende werden die Bedingungen in Bildungseinrichtungen genannt. Dazu gehören insbesondere mangelnde Flexibilität, die Unsichtbarkeit der Pflegesituation und damit einhergehende unzureichende Unterstützung. Gleichzeitig können die Anforderungen der Pflege im privaten Alltag zu Belastungen, Zeitdruck, einem eingeschränkten Sozialleben, finanziellen Engpässen und geringeren Teilhabechancen führen.

Warum die Pflegesituation häufig verborgen bleibt, zeigt ein weiteres Ergebnis der Befragung: Die Stakeholder sehen einen Zusammenhang zwischen dem „verborgenen Leben“ junger Pflegender, Schamgefühlen und der Wahrnehmung von Pflege als Privatsache. Studierende und Auszubildende könnten demnach vermeiden, ihre Situation öffentlich zu machen, weil sie kein Mitleid von Lehrenden oder anderen Lernenden möchten und im Bildungsumfeld als „normale“ junge Menschen wahrgenommen werden wollen.

Unterschiedliche Lebenslagen berücksichtigen

Die Befragten identifizieren verschiedene Faktoren, die dazu beitragen können, dass junge Menschen Pflegeverantwortung übernehmen. Dazu zählen ihre soziale Position, familiäre und soziale Strukturen, bestehende Erwartungen an Pflege sowie die vorhandenen lokalen Unterstützungssysteme.

Gleichzeitig weisen die Ergebnisse auf die Gefahr hin, bestimmte Einflussfaktoren zu stark zu gewichten. So überschätzten die Befragten tendenziell die Bedeutung von ethnischer Zugehörigkeit, „Kultur“ und Religion. Dadurch könnten junge Pflegende ohne sichtbaren Migrationshintergrund aus dem Blick geraten.

Auch beim Thema Geschlecht zeigt die Befragung ein differenziertes Bild: Quantitative Daten weisen auf keine signifikanten Geschlechterunterschiede bei jungen Pflegenden im Bildungssystem hin. Die befragten Stakeholder vermuten, dass andere Faktoren – etwa räumliche Nähe, zeitliche Verfügbarkeit oder der Status als Einzelkind – für die Übernahme von Pflegeverantwortung eine größere Rolle spielen könnten.

Mehr Sichtbarkeit und Austausch

Insgesamt zeigen die Ergebnisse ein ausgeprägtes Bewusstsein der befragten Stakeholder für die Situation junger Pflegender im Bildungssystem. Gleichzeitig sehen sie weiteren Unterstützungsbedarf. Für die Zukunft wünschen sie sich insbesondere mehr Sichtbarkeit und Unterstützung, eine einheitliche Definition junger Pflegender sowie einen stärkeren Austausch von Good-Practice-Beispielen in Europa.

Die Entwicklung einer gemeinsamen Definition und der Austausch von Good Practice werden auch zentrale Themen der zweiten Runde der InterCare-Delphi-Umfrage sein, die für das Frühjahr 2027 geplant ist.

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