„Pflege-Guides würde ich jedem Unternehmen empfehlen“

02.03.2026|Veranstaltungen

„Pflege-Guides würde ich jedem Unternehmen empfehlen“

Stimmen aus der Praxis von:

Zum Abschluss unseres Fachtags „Versorgung sichern – Vereinbarkeit von beruflicher und privater Pflege gestalten“ im Dezember 2025 in Düsseldorf berichteten Pflege-Guide Beate Kuhn sowie die Einrichtungsleiterinnen Dorothee Koenen und Lydia Kassing im Gespräch mit Moderatorin Merle Becker über Vereinbarkeitslösungen im Arbeitsalltag. Die Gesprächsrunde machte Mut: Viele Einrichtungen haben bereits gute Ansätze entwickelt – von flexiblen Arbeitszeitmodellen über zusätzliche Urlaubstage bis hin zu niedrigschwelligen Gesprächs- und Beratungsangeboten.

Pflege-Guides als erster Schritt

Gefragt nach ihren Empfehlungen für erste Schritte, nannten alle drei Expertinnen das Modell der Pflege-Guides – auch und gerade in Gesundheitsunternehmen, die Menschen beschäftigen, die sich mit Pflege auskennen. „Auch Pflegefachkräfte können nicht alles wissen, was aktuell im familiären Bereich gerade benötigt wird“, so Dorothee Koenen. „Über die Pflege-Guides kommen dann Informationen zurück, was die Mitarbeiter brauchen. Das können wir aufgreifen, um weitere Maßnahmen einzuleiten.“

Sonderurlaub als kulturelles Signal

Das im Best-Practice-Film über das Luisen-Hospital in Aachen vorgestellte Angebot von zwei bezahlten Sonderurlaubstagen für pflegende Mitarbeitende sorgte bei der Tagung für viel Gesprächsstoff. Entsprechend gefragte Ansprechpartnerin war die dort tätige Geschäftsführerin Koenen. „Die zwei Tage lösen kein Problem, das wissen wir alle. Aber das ist unser Einstieg in die kulturelle Änderung“, betonte sie. „Es ist ein ganz wichtiges Symbol, das Signal ‚Uns ist das wichtig‘ und ein klares Statement für eine offene und unterstützende Kultur.“

Es gehe auch nicht um viel Geld, „da die Leistung gar nicht in der Menge in Anspruch genommen wird“. Wichtig sei, dass dieses Angebot wie auch der Einsatz von Pflege-Guides gemeinsam mit Vorstand und Pflegedirektor etabliert worden seien. Die Unterstützungsmaßnahmen seien nicht auf Pflegefachpersonen begrenzt, sondern offen für alle Unternehmensbeschäftigten.

Gesetzliche Regelungen als Ergänzung

Koenen wies darauf hin, dass auch das Pflegezeitgesetz pro Jahr zehn Arbeitstage für besondere Pflegesituationen vorsehe, an denen man sich freinehmen könne. Sofern die Lohnfortzahlung nicht tarifvertraglich oder über eine Betriebsvereinbarung geregelt ist, bezahlt die Pflegeversicherung auf Antrag Pflegeunterstützungsgeld in Höhe von 90 Prozent des Nettoarbeitsentgelts.

Noch sei nicht spürbar, dass Vereinbarkeitsregelungen die Probleme bei der Personalgewinnung mindern, beantwortete Koenen die Frage nach der Bedeutung für die Arbeitgebermarke. „Aber es stärkt unser Miteinander. Es bringt uns Benefit, wenn wir offen sprechen, wenn wir wissen, was mit anderen los ist und ihnen den Rücken freihalten.“ Langfristig werde sich das sicher auch für die Attraktivität des Arbeitgebers auszahlen.

Vertrauen durch persönliche Ansprache

Bei Pflege-Guide Beate Kuhn von der VITREA Rehaklinik in Bad Berleburg ging die Schulung von der Geschäftsleitung aus. Seit kurzem steht ihr ein Kollege als zweiter Pflege-Guide zur Seite. „Wir gehen regelmäßig durchs Haus, fragen nach, was anliegt und bieten Gespräche an“, berichtete Kuhn. Wichtiger als offizielle Aushänge sei der persönliche Kontakt. „Dadurch entsteht Vertrauen, und die Mitarbeitenden bekommen das Gefühl ‚Ich werde gesehen und ich darf mich auch sichtbar machen mit meiner Pflegeproblematik zu Hause und der Doppelbelastung‘.“

Als Pflege-Guide sei sie auch „Aushängeschild der Geschäftsleitung und des Unternehmens“, um den Mitarbeitenden entgegenzukommen. „Umgekehrt bin ich aber auch Sprachrohr für die pflegenden Mitarbeitenden, die erst mal nur mit mir sprechen möchten, auch vertraulich.“ Aus der Summe der Gespräche könne sie dann „ein Signal nach oben geben, woran es im Unternehmen fehlt“. Letztendlich gehe es bei den Gesprächs- und Unterstützungsangeboten auch um Wertschätzung, unterstrich Kuhn. Deshalb sei es auch „wichtig, dass das während der Arbeitszeit geschehen kann“.

Kreative Formate und Prävention

Kuhn und ihr Kollege wählen auch unkonventionelle Kommunikationswege, zum Beispiel ein Coffee-Bike mit Infostand in der Mittagspause. Zudem biete das Unternehmen inzwischen auch seinen Beschäftigten Kurse für die familiäre Pflege an. „Die Mitarbeitenden möchten nicht unbedingt neben den Angehörigen ihrer Patienten sitzen.“ Überdies gebe es Austausch mit Pflege-Guides anderer Unternehmen in der Umgebung und gemeinsame Informationsveranstaltungen „auf neutralem Boden“ zu pflege- oder betreuungsrechtlichen Themen – auch in Zusammenarbeit mit der Kommune. Viele ihrer Gespräche hätten auch präventiven Charakter, erläuterte die Pflege-Guide. „Es ist wichtig, sich rechtzeitig zu informieren, damit man beim akuten Anlass nicht ins Bodenlose fällt.“

Führungskräfte als Treiber der Vereinbarkeit

„Es hilft ungemein, wenn man als leitende Person beim Thema Vereinbarkeit den Hut aufhat“, unterstrich Einrichtungsleiterin Lydia Kassing. „Ich muss mich nicht rechtfertigen, sondern ich mache. Ich weiß, wer Pflegebedarf hat. Wir sind im Gespräch, wir unterstützen und versuchen, individuelle Lösungen zu finden.“

Kassing wurde im Rahmen des Betrieblichen Gesundheitsmanagements eingesetzt, um für das Gesamtunternehmen Vereinbarkeitsregelungen zu entwickeln. Seit kurzem gebe es einen zweiten Pflege-Guide, jetzt stehe die thematische Schulung von Führungskräften an. Das für 2026 geplante Angebot von „Vereinbarkeits-Cafés“ soll dabei helfen, den Unterstützungsbedarf zu ermitteln. Über Gesundheitstage und Vorträge seien die Beschäftigten bereits für das Thema sensibilisiert. „An Lebensphasen orientierte Beratung ist wichtig – dabei geht es nicht nur um Vereinbarkeit, sondern um Krisensituationen allgemein“, unterstrich Kassing.

„Jetzt ins Tun kommen!“

„Die vielen positiven Beispiele aus der Praxis machen Mut und zeigen, wie vielfältige und individuelle Lösungen für mehr Vereinbarkeit von Beruf und Pflege möglich sind“, brachte es Merle Becker am Ende auf den Punkt. Ihr Appell „Jetzt ins Tun kommen!“ zeigte noch beim Fachtag Wirkung: „Die zwei Tage Sonderurlaub setzen wir jetzt auch bei uns um“, kündigte Pflegedirektor Jens Gorgs vom Evangelischen Krankenhaus Mülheim/Ruhr an. Er war nicht der Einzige, der vom Fachtag konkrete Pläne und Anregungen mit nach Hause nahm.

 

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