
Vereinbarkeit von Beruf und Pflege als Schlüsselfaktor für Fachkräftesicherung und Versorgungssicherheit
Vereinbarkeit von Beruf und Pflege als Schlüsselfaktor für Fachkräftesicherung und Versorgungssicherheit
Immer mehr Pflegebedürftige, immer weniger Pflegefachkräfte: Durch den demografischen Wandel steuert Deutschland auf eine gewaltige Pflegelücke zu. Je nach Szenario liegt die Zahl der Pflegebeschäftigten im Jahr 2049 zwischen 280.000 und 690.000 unter dem zu erwartenden Bedarf. Die Gesundheitsbranche steht bereits jetzt vor einer doppelten Herausforderung: Ein steigender Versorgungsbedarf trifft auf Beschäftigte, die zunehmend selbst Pflegeverantwortung tragen. Überdurchschnittlich viele Pflegefachpersonen – in der Mehrzahl Frauen – reduzieren ihre Arbeitszeit oder verabschieden sich für längere Zeit ganz aus dem Job, um private Pflegeaufgaben für An- und Zugehörige zu übernehmen.
Bei der Fachtagung 2025 des Landesprogramms Vereinbarkeit Beruf & Pflege NRW am 4. Dezember 2025 im NH Hotel Düsseldorf ging es deshalb um die Frage: Wie kann Pflegevereinbarkeit im Gesundheitswesen gelingen und wie trägt sie zur Versorgungssicherheit und Fachkräftesicherung bei? Die Veranstaltung in Zusammenarbeit mit der Pflegekammer NRW richtete sich deshalb insbesondere an Führungskräfte und Personalverantwortliche aus dem Gesundheitswesen. Die Referentinnen und Referenten aus Wissenschaft und Praxis beleuchteten Lösungswege und Strategien, informierten über wissenschaftliche Erkenntnisse und berichteten über die praktische Umsetzung von Vereinbarkeitslösungen.
Doppelbelastung mit Folgen
Im Gesundheitswesen werde das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Pflege immer noch viel zu oft als individuelle Herausforderung aufgefasst, leitete Moderatorin Merle Becker die Tagung ein. „Aber es ist ein systemischer Hebel für das Halten von Fachkräften und für die Versorgungssicherheit in Deutschland.“
„Konservativ gerechnet leisten in NRW rund 770.000 Menschen Pflegearbeit und sind gleichzeitig erwerbstätig“, berichtete Projektleiterin Greta Ollertz. Das entspreche über alle Branchen verteilt acht Prozent aller Mitarbeitenden. Im Gesundheits- und Pflegebereich sei dieser Anteil deutlich höher. Eine Doppelbelastung mit Folgen: „Wenn die Pflege nicht mit der Arbeit vereinbar ist, dann wechseln die Angehörigen oft in eine Teilzeittätigkeit, kündigen ganz oder werden krank.“
„Pflegende aus dem Gesundheitswesen haben es mit einer besonders fordernden Erwartungshaltung von vielen Seiten zu tun“, so Ollertz. „Es wird vorausgesetzt, dass professionelle Pflegekompetenz auch informelle Pflegekompetenz einschließt.“ Privat zu pflegen zu pflegen, sei jedoch eine völlig andere Situation. „In diesem besonderen Spannungsfeld bitten die Betroffenen selten um Hilfe, und es wird ihnen auch so gut wie keine Hilfe angeboten.“
Vereinbarkeit ist zentrale Arbeitgeberaufgabe
„Die speziellen Arbeitsbedingungen in der professionellen Pflege sind nur ganz schwer mit den privaten Sorgepflichten zu vereinbaren“, sagte Dr. Alexia Zurkuhlen, Vorständin des Projektträgers Kuratorium Deutsche Altenhilfe (KDA). Falle eine Pflegefachperson aufgrund fehlender Vereinbarkeit aus, sei das nicht nur ein persönliches, sondern auch ein gesellschaftliches Problem. „Vereinbarkeit ist kein ‚Nice to have‘, sondern eine zentrale Arbeitgeber-Aufgabe“, so Zurkuhlen. „Wir brauchen neue Pflegemodelle, die näher an der Realität sind und die Pflegevereinbarkeit auch als gesamtgesellschaftliche Aufgabe begreifen.“
Individuelle Bedürfnisse berücksichtigen
„Die Betroffenen nehmen sich selbst häufig nicht als pflegende Angehörige wahr, sondern sehen auch ihre private Tätigkeit aus der Profiperspektive“, berichtete Gesundheits- und Pflegewissenschaftlerin Prof. Anke Jähnke. Die Kombination aus anspruchsvollem Beruf und pflegerischer Verantwortung zu Hause führe zu Stress, Burnout-Risiken und Vereinbarkeitsproblemen. „Wenn wir die Betroffenen im Beruf halten wollen, müssen wir ihre individuellen Bedürfnisse kennen und wertschätzen. Eine bessere Vereinbarkeit nutzt nicht nur den Mitarbeitenden, sondern schützt auch vor dem drohenden Fachkräftemangel in Gesundheitsbetrieben“, machte Jähnke deutlich.
Neue Konzepte gefragt
„Professionelle Pflege und informelle Pflege bedingen sich gegenseitig“, betonte Pflegekammer-Vorstandsmitglied Kevin Galuszka. „Wenn wir die professionelle Pflege stärken oder schwächen, beeinflussen wir dadurch auch pflegende Angehörige.“ Die Politik müsse die Profession und die pflegende Angehörige durch bessere Rahmenbedingungen langfristig stärken.
In NRW sei ein Drittel der Pflegefachpersonen älter als 55 Jahre und nur 13 Prozent jünger als 30 Jahre, erläuterte Galuszka. Die demografische Entwicklung laufe besonders im ländlichen Raum auf eine Pflege-Unterversorgung zu. Neue Versorgungskonzepte seien dringend nötig. „Ohne mehr Kolleginnen und Kollegen aus dem Ausland werden wird es nicht hinbekommen.“ Zudem müssten die Versorgungssysteme im Sinne eines „Community Health Nursing“ umgestaltet werden – ein Ansatz, der die ganzheitliche Versorgung und Begleitung von Menschen aller Altersgruppen beinhaltet, sowohl in Phasen der Gesundheitserhaltung als auch bei Krankheit.
Wiedereinstieg erleichtern
Mehr Ausbildung alleine könne den Renteneintritt der Boomer-Jahrgänge nicht ausgleichen, der Beschäftigungszuwachs in der Pflege beruhe bereits seit 2022 ausschließlich auf Zuwanderung, erläuterte Michaela Evans-Borchert, Direktorin des Forschungsschwerpunkts „Arbeit und Wandel“ am Institut für Arbeit und Technik an der Westfälischen Hochschule in Gelsenkirchen. Deutschland müsse entschieden mehr tun, um Pflegefachpersonen, die aufgrund privater Pflegeaufgaben ihre Tätigkeit eingeschränkt oder ganz aufgegeben hätten, den Wiedereinstieg zu erleichtern.
Laut einer Befragung seien 74 Prozent der Teilzeitbeschäftigten und 87 Prozent der aus dem Beruf Ausgestiegenen bei besser planbarer Arbeitszeitgestaltung bereit zum Aufstocken von Arbeitszeit oder zur Rückkehr in den Job. „Sie wünschen sich insbesondere verbindliche Dienstpläne, keine regelmäßig geplanten Überstunden und keine geteilten Dienste“, so die Sozialwissenschaftlerin.
Flexiblere Arbeitszeit ganz oben auf der Wunschliste
Jonathan Arnold, Auditor bei der berufundfamilie Service GmbH, informierte bei der Fachtagung über Möglichkeiten zur Entwicklung eines „pflegebewussten Arbeitsumfelds“. Auch er stellte dar, dass sich pflegende Beschäftigte vor allem eine flexiblere Zeiteinteilung und mehr Zeit in akuten Krisensituationen wünschen. Während die Pandemie in vielen Branchen flexiblere Arbeitszeiten oder Homeoffice-Tätigkeiten ermöglich habe, sei dies im Gesundheits- und Pflegebereich mit Präsensarbeit und Schichtdiensten erheblich schwieriger umsetzen. Vereinbarkeit sei zwar kein Tabuthema mehr, „aber das heißt nicht, dass es eine systematische Betreuung in den Unternehmen gibt“, so der Psychologe. Vieles scheitere an Befürchtungen vor organisatorischem und finanziellen Mehraufwand oder an Zuständigkeitsfragen.
Thema in Politik und Wirtschaft angekommen
„Weil der Schuh schon drückt“, sei die lange als „weiches Thema“ behandelte Vereinbarkeit von Beruf und Pflege inzwischen als „handfester“ Gegenstand in Politik und Wirtschaft angekommen, sagte Georg Oberkötter vom NRW-Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales, das das Landesprogramm fördert. Der Zusammenhang mit der Fachkräftesicherung sei unumstritten. „Immer mehr Unternehmen packen das Thema an“, so Oberkötter. Bisher gebe es allerdings überwiegend Insellösungen. Aus dem Blickwinkel der pflegenden Angehörigen gebe es trotz aller Initiativen und Fortschritte noch deutlich Luft nach oben. Die Landesregierung engagiere sich mit dem Landesprogramm Vereinbarkeit Beruf & Pflege dafür, die Rahmenbedingungen für die Unternehmen zu verbessern. Dazu sei es hilfreich, praxistaugliche Modelle wie das AOK-Programm zur Schulung von Pflege-Guides aufzugreifen.
Angebote des Landesprogramms gefragt
Auf die Unterstützung durch das Landesprogramm setzen immer mehr Unternehmen, private und öffentliche Einrichtungen, Kreise und Kommunen in NRW. Zum Jahreswechsel waren 656 Arbeitgeber aller Branchen und Unternehmensgrößen registriert – darunter 40 Krankenhäuser, Reha-Kliniken und Gesundheitseinrichtungen, 30 ambulante Pflegedienste und stationäre Pflegeeinrichtungen, 30 Wohlfahrtsverbände und ihre Einrichtungen. Insbesondere das Pflege-Guide-Modell erfreut sich wachsender Beliebtheit. Bis Jahresende 2025 hatten sich über die in Zusammenarbeit mit der AOK Rheinland/Hamburg und der AOK Nordwest angebotenen zweieinhalbtägigen Schulungen bereits über 1.000 Pflege-Guides qualifiziert.
Zu den teilnehmenden Gesundheitseinrichtungen gehört das Luisenhospital in Aachen, dessen Bemühen um mehr Vereinbarkeit beim Fachtag in einem Best-Practice-Film vorgestellt wurden. In dem Gesundheitsunternehmen mit rund 1.500 Mitarbeitenden sind inzwischen drei Pflege-Guides tätig. Sie gegen erste Orientierung, informieren über innerbetriebliche und externe Hilfsangebote und vermitteln zwischen Arbeitgebern und den Beschäftigten. 2023 hat der Träger zwei zusätzliche Tage Sonderurlaub für besondere Pflegesituationen eingeführt.
Die Expertinnen und Experten des Landesprogramms beraten und begleiten die Arbeitgeber bei der Umsetzung konkreter Maßnahmen. Das betrifft neben Qualifizierung und Weiterbildung von betrieblichen Ansprechpersonen und Führungskräften auch Möglichkeiten zum Austausch und zum Vernetzen, das Einbinden der Mitarbeitenden bei der Gestaltung von Angeboten, Online-Service für pflegende Angehörige und den Zugang zum „digitalen Pflegekoffer NRW“ mit umfangreichen Informationen.
„Das sichtbare Engagement für eine bessere und nachhaltige Vereinbarkeit von Beruf und Pflege stärkt auch die Arbeitgebermarke“, unterstrich Greta Ollertz. „Unternehmen, die beim Thema Vereinbarkeit ein Zeichen setzen, unterstützen nicht nur ihre Mitarbeitenden, sondern werden es auch bei der Suche nach qualifizierten Mitarbeitenden einfacher haben.“
„Pflege-Guides kann ich nur allen empfehlen“
Zum Abschluss des Fachtags berichteten Pflege-Guide Beate Kuhn sowie die Pflegeeinrichtungsleiterinnen Dorothee Koenen und Lydia Kassing im Gespräch mit Moderatorin Becker über Vereinbarkeitslösungen im Arbeitsalltag. Die Gesprächsrunde machte Mut: Viele Einrichtungen haben bereits gute Ansätze entwickelt – von flexiblen Arbeitszeitmodellen über zusätzliche Urlaubstage bis hin zu persönlichen Gesprächs- und Beratungsangeboten. Gefragt nach ihren Empfehlungen für erste Schritte, nannten die Praktikerinnen an erster Stelle das Modell der Pflege-Guides: „Über sie kommen viele Informationen zurück, was die Mitarbeiter benötigen oder sich wünschen. Das können wir aufgreifen, um weitere Maßnahmen einzuleiten.“
„Die vielen positiven Beispiele aus der Praxis machen Mut und zeigen, wie vielfältige und individuelle Lösungen für mehr Vereinbarkeit von Beruf und Pflege möglich sind“, brachte es Merle Becker am Ende auf den Punkt. Ihr Appell „Jetzt ins Tun kommen!“, zeigte noch beim Fachtag Wirkung: „Die zwei Tage Sonderurlaub setzen wir jetzt auch bei uns um“, kündigte Pflegedirektor Jens Gorgs vom Evangelischen Krankenhaus Mühlheim/Ruhr an. Er war nicht der Einzige der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, der konkrete Pläne und Anregungen mit nach Hause nahm.
Sie interessieren sich für das Thema „Vereinbarkeit von Beruf und Pflege“?
Für alle Fragen rund um das Landesprogramm steht Ihnen Bianca Heep unter der Telefonnummer 030 / 2218298 30 oder per E-Mail an berufundpflege@kda.de gerne zur Verfügung.