Erste Uniklinik im Landesprogramm: Universitätsklinikum Essen wird Vereinbarkeitspartner

22.04.2026|Vereinbarkeit

Erste Uniklinik im Landesprogramm: Universitätsklinikum Essen wird Vereinbarkeitspartner

„Pflege von Angehörigen ist kein Privatthema, das man am Klinikumseingang ablegt“

Mit der Unterzeichnung der Charta zur Vereinbarkeit von Beruf und Pflege ist das Universitätsklinikum Essen (UME) offiziell Vereinbarkeitspartner des NRW-Landesprogramms geworden. Die feierliche Unterzeichnung in Anwesenheit von Minister Karl-Josef Laumann markiert einen besonderen Meilenstein: Als erstes Universitätsklinikum in Nordrhein-Westfalen beteiligt sich das UME am Landesprogramm und trägt somit dazu bei, die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege stärker in den Fokus zu rücken. Zugleich gewinnt das Landesprogramm mit einem der größten Arbeitgeber der Region einen starken Partner, der die Bedeutung des Themas weit über das Gesundheitswesen hinaus sichtbar macht.

Gerade in Kliniken wird deutlich, welche Herausforderungen die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege mit sich bringt. Viele Beschäftigte übernehmen nicht nur beruflich Verantwortung für pflegebedürftige Menschen, sondern kümmern sich auch privat um Angehörige. Für Pflegefachpersonen bedeutet dies häufig eine doppelte Pflegeverantwortung, verbunden mit hohen Ansprüchen des beruflichen Umfelds, der Familie und nicht zuletzt an sich selbst. Diese besondere Belastung stand bereits im Mittelpunkt eines gemeinsamen Videoprojekts mit dem Luisenhospital Aachen, einem weiteren Vereinbarkeitspartner des Landesprogramms.

Fünf Fragen an die Pflegedirektorin zur Vereinbarkeit von Beruf und Pflege

Im Anschluss an die Charta-Unterzeichnung haben wir mit Andrea Schmidt-Rumposch, Pflegedirektorin und Vorständin des Universitätsklinikums Essen, über die Situation pflegender Beschäftigter gesprochen. Im Mittelpunkt standen die wachsende Bedeutung des Themas im Zuge des demografischen Wandels sowie die Frage, wie Arbeitgeber ihre Mitarbeitenden bei der Vereinbarkeit von Beruf und Pflege unterstützen können.

1. Frau Schmidt-Rumposch, wie begegnen Ihnen im Arbeitsalltag Beschäftigte, die neben ihrer beruflichen Tätigkeit Angehörige pflegen oder Sorgeverantwortung übernehmen? Wie nehmen Sie diese wahr?

Als Pflegedirektorin und Vorstandsmitglied des Universitätsklinikums Essen sehe ich Mitarbeitende, die neben ihrer beruflichen Tätigkeit Angehörige pflegen, mit großem Respekt. Diese Menschen übernehmen täglich doppelte Verantwortung – bei uns auf den Stationen und in den verschiedensten Bereichen und gleichzeitig in ihrem privaten Umfeld.

Ich bin selbst Krankenschwester, daher weiß ich, welche Ansprüche unser Beruf an unsere Qualifikation, an lebenslanges Lernen stellt und wie anspruchsvoll er gleichzeitig auch in emotionaler, körperlicher und organisatorischer Hinsicht sein kann. Pflegende Angehörige sind oft ohne Handwerkzeug auf sich allein gestellt. Deshalb ist es mir besonders wichtig, dass wir als Universitätsklinikum Essen ein Umfeld schaffen, in dem die Pflege von Angehörigen kein „Privatthema“ ist, das man am Klinikumseingang ablegt, sondern in dem diese Lebensrealität anerkannt wird, um Unterstützung zu leisten.

2. Welche Entwicklungen beobachten Sie in den vergangenen Jahren im Hinblick auf Mitarbeitende mit Pflegeverantwortung?

In den vergangenen Jahren beobachten wir sehr deutlich, dass die Zahl der Mitarbeitenden mit Pflegeverantwortung im Zuge des demografischen Wandels spürbar zunimmt. Die Menschen werden älter, damit steigt die Zahl der Pflegebedürftigen kontinuierlich an. Dies schlägt sich beispielsweise auch im Wunsch nach Arbeitszeitreduzierung nieder. Unterstützung und Pflege von Angehörigen ist häufig ein schleichender Prozess. Oft sind zunächst nur kleinere Unterstützungsleistungen notwendig, die sich über Monate oder Jahre zu einer umfassenden Pflegeverantwortung entwickeln. Diese Mitarbeitenden geraten nach und nach an ihre körperlichen und psychischen Grenzen.

Ich erlebe gleichzeitig aber auch kulturelle Veränderungsprozesse. Früher wurde Angehörigenpflege oft im Privaten gehalten. Heute sprechen Mitarbeitende offener über ihre Belastungssituationen, sodass wir konkrete Unterstützungsleistungen anbieten können.

3. Wo erleben Sie besondere Herausforderungen für betroffene Beschäftigte im Pflegealltag?

Betroffene Mitarbeitende des Pflege- und Funktionsdienstes stecken in einer doppelten Pflegeverantwortung. Viele versuchen, sowohl im Beruf als auch bei ihren pflegebedürftigen Angehörigen „voll zu funktionieren“. Das wird besonders schwierig, wenn über lange Zeit kaum Erholungsphasen möglich sind. Besondere Herausforderungen entstehen aus meiner Erfahrung heraus beispielsweise aber auch durch die Unvorhersehbarkeit des heimischen Pflegealltags. Akute gesundheitliche Veränderungen, Arzttermine, Notfälle der zu betreuenden Person treten oft kurzfristig auf und lassen sich nicht wirklich planen. Gerade diese Unsicherheit erzeugt für viele Mitarbeitende einen hohen Druck.

4. Wie gelingt es aus Ihrer Sicht, betriebliche Anforderungen und individuelle Bedürfnisse miteinander auszubalancieren?

Die Balance zwischen betrieblichen Anforderungen und den individuellen Bedürfnissen von Mitarbeitenden mit Pflegeverantwortung gelingt meines Erachtens vor allem durch eine offene Unternehmenskultur, Transparenz und Verlässlichkeit. Mitarbeitende müssen das Gefühl haben, frühzeitig über ihre Belastung sprechen zu können und darüber informiert sein, welche Unterstützungsleistungen angeboten werden.

Wir haben beispielsweise bereits seit 2009 unsere Abteilung für Familie und Gesundheit (ehemals MitarbeiterServiceBüro) am Universitätsklinikum Essen als zentrale Anlaufstelle für Mitarbeitende zu Themen rund um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und zur Gesunderhaltung verankert. Hier erhalten Mitarbeitende kostenlose und vertrauliche Beratungs- und Unterstützungsangebote – auch zur Pflege von Angehörigen; beispielsweise im Hinblick auf die Beantragung eines Pflegegrades, auf finanzielle und materielle Unterstützungsoptionen, mögliche Betreuungseinrichtungen oder unser Angebot der Familialen Pflege. Mitarbeitende ohne pflegerisches Vorwissen werden durch unsere Familiale Pflege im Übergang zwischen Krankenhaus in die poststationäre Versorgung begleitet. Es gibt dabei zahlreiche hilfreiche Edukationsangebote, wie Pflegetrainings von Angehörigen am Patientenbett, aufsuchende Pflegetrainings in der Familie oder Gesprächskreise, beispielsweise.

Wir versuchen, individuellen Bedürfnissen durch Instrumente wie den Wunschdienstplan oder Jokerdienste entgegenzukommen. Zudem können Beschäftigte in bestimmten Lebenssituationen, d.h. beispielsweise junge Elternschaft oder Pflegeverantwortung, im Flexispringerpool in der Pflege arbeiten; mit individuellen Arbeitszeiten und flexiblen Diensten, bei der Tage und Schichtlängen frei gewählt werden können.

Letztendlich sind aber stabile pflegerische Teams und eine gute personelle Ausstattung ausschlaggebend, um neben einer hohen Versorgungsqualität und Patientensicherheit auch die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege zu ermöglichen. Flexibilität darf nicht zur Überlastung anderer Mitarbeitender führen. Deshalb versuchen wir, Lösungen transparent und fair zu gestalten und die Verantwortung gemeinsam im Team zu tragen.

5. Gibt es Aspekte zur Vereinbarkeit von Beruf und Pflege, die aus Ihrer Sicht bislang zu wenig berücksichtigt werden, die Ihnen aber wichtig erscheinen?

Meiner Meinung müssen wir Führungskräfte noch stärker dafür sensibilisieren, dass pflegende Mitarbeitende durch ihre Erfahrungen enorme Fähigkeiten im Umgang mit Verantwortung, Empathie, und Krisenresilienz entwickeln können – Eigenschaften, die auch im beruflichen Umfeld wertvoll sind. Es geht darum, diese Mitarbeitenden nicht als weniger leistungsfähig abzustempeln, sondern ihre hohe soziale Kompetenz, Organisationsfähigkeit und Belastbarkeit anzuerkennen.

Die Vereinbarkeit in Schicht- und Pflegeberufen bleibt aber grundsätzlich eine besondere Herausforderung. Gerade im Gesundheitswesen sind flexible Lösungen schwieriger umzusetzen als in klassischen Büroberufen. Denn Patientinnen und Patienten müssen an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr medizinisch und pflegerisch versorgt werden. Umso wichtiger ist es, hier kreativ neue Modelle zu entwickeln, die sowohl die Versorgungssicherheit, als auch die Bedürfnisse der Mitarbeitenden berücksichtigen.

Fotos: ©️mölleken-fotografie

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