„Beruflich pflegen und Angehörige pflegen – wie geht das zusammen?“

09.02.2026|Veranstaltungen

„Beruflich pflegen und Angehörige pflegen – wie geht das zusammen?“

„Pflegefachpersonen, die auch private Sorgearbeit leisten, jonglieren oftmals so viele Bälle, dass mal einer runterfliegt und man hofft, dass es nicht zur Katastrophe kommt.“ Mit diesem Bild skizzierte Gesundheits- und Pflegewissenschaftlerin Dr. Anke Jähnke beim Fachtag „Versorgung sichern – Vereinbarkeit von beruflicher und privater Pflege gestalten“ des NRW-Landesprogramms im Dezember 2025 in Düsseldorf sowohl die besonderen Erwartungen gegenüber den Betroffenen als auch deren Eigenwahrnehmung in der Doppelrolle.

Aus dem Übernehmen von mehr Verantwortung aufgrund des Fachwissens ergebe sich oft eine intensivere private Pflege mit entsprechend höherer Belastung. Die Sorgearbeit werde jedoch am Arbeitsplatz selten thematisiert oder anerkannt. Jähnke: „Die Kombination aus anspruchsvollem Beruf und pflegerischer Verantwortung zu Hause führt zu Stress, Burnout-Risiken und Vereinbarkeitsproblemen.“ Betroffen seien mehrheitlich Frauen. „Männer pflegen kräftig mit, aber natürlich ist der Gender-Gap in der Pflege noch mal deutlich stärker“, so die Wissenschaftlerin.

Erschöpfung führe oft zur Reduzierung der Arbeitszeit oder sogar Aufgabe der Berufstätigkeit. „Wenn wir die Betroffenen im Beruf halten wollen, müssen wir ihre individuellen Bedürfnisse kennen und wertschätzen. Eine bessere Vereinbarkeit nutzt nicht nur den Mitarbeitenden, sondern schützt auch vor dem drohenden Fachkräftemangel in Gesundheitsbetrieben“, machte Jähnke deutlich.

Forschungsprojekt zur Doppelrolle von Angehörigen mit Gesundheitsberufen

Mit Lösungen für bessere Vereinbarkeit beschäftigt sich die Pflegexpertin im Bereich Hämatologie/Onkologie am Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart bereits seit längerem. Seit Oktober 2024 leitet sie dazu auch ein Forschungsprojekt in der Schweiz. Bei dem noch bis Februar 2026 laufenden Pilotprojekt zur Doppelrolle von Angehörigen mit Gesundheitsberufen (DorA) geht es um das Aufdecken und Analysieren der „Black Box“ sichtbarer und unsichtbarer Belastungen. Ziel sei es, bessere Vereinbarkeitsstrategien zu entwickeln und Gesundheitsunternehmen dabei zu unterstützen, ihre Mitarbeitenden zu entlasten, erläuterte die Projektleiterin.

Die Situationen und Ressourcen von Gesundheitsfachpersonen in der Doppelrolle seien höchst unterschiedlich. Jähnke: „Sie erleben viele konkurrierende Erwartungen: von der unterstützten Person, von Familienmitgliedern, von ihrem Team und dem Arbeitgeber. Der Umgang damit ist anspruchsvoll, Konflikte sind häufig.“ Für viele sei es schwierig, sich abzugrenzen, die „Selbstpflege“ komme oft zu kurz. Im Alltag fehle in der Regel der Austausch mit Menschen in ähnlicher Situation. „Angehörigenpflege gilt als Privatsache, ist ein sensibles Thema am Arbeitsplatz“, benannte Jähnke eine zentrale Erkenntnis aus dem DorA-Projekt. Dabei spiele auch Scham eine Rolle, wenn es etwa um Pflegefälle im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen oder Alkohol gehe. Selbst Personen vom Fach wüssten oft nicht, welche Unterstützungsangebote es gebe und was ihnen zustehe.

„Die Betroffenen nehmen sich selbst häufig nicht als pflegende Angehörige wahr, sondern sehen auch ihre private Tätigkeit aus der Profiperspektive“, berichtete Jähnke als ein weiteres DorA-Ergebnis, aber auch als Erfahrung aus Interviews für ihre 2023 als Fachbuch veröffentlichte Dissertation. Daraus ergebe sich ein spezielles Profil: „Pflegefachpersonen als pflegende Angehörige sind zentrale Ansprechpersonen im Unterstützungsnetz ihrer Nächsten. Sie übernehmen eine wichtige Rolle bei der therapeutischen Entscheidungsfindung, übersetzen und vermitteln. Sie überblicken die gesamte Versorgungssituation und sind deshalb oft Anwält:innen für die gepflegte Person gegenüber anderen Gesundheitsfachpersonen und Institutionen.“

Fünf zentrale Erkenntnisse

Mit Blick auf die Gesundheitsbetriebe formulierte Jähnke fünf zentrale Erkenntnisse
aus dem DorA-Projekt:

  • Robuste Daten zur Anzahl von Mitarbeitenden in der Doppelrolle und zum Bedarf von Unterstützungsangeboten liegen nicht vor.
  • Es gibt bereits Unterstützungsangebote, jedoch nicht immer zugeschnitten auf den Bedarf von Mitarbeitenden in der Doppelrolle.
  • Vorgesetzte haben eine Schlüsselposition beim Erkennen von Unterstützungsbedarf und weiteren Schritten. Zusätzlich sind spezialisierte Ansprechpersonen wichtig.
  • Die Teams tragen vieles mit, doch es gibt Grenzen.
  • Größte Herausforderung ist die Unvorhersehbarkeit – jeder Fall ist anders.

„Kommunikation ist das A und O“, betonte Anke Jähnke und drehte die Symbolik der bekannten drei Affen um: „Zuhören, Hinsehen, miteinander Sprechen.“

Um Beruf und private Pflege besser unter einen Hut bringen und soziale Unterstützung organisieren zu können, müssten alle Beteiligten bereit sein, ihre Erwartungen klar zu formulieren und Zuständigkeiten zu klären.

Letztendlich müsse aber auch die Politik ihren Beitrag für eine bessere Vereinbarkeit leisten, forderte die Gesundheits- und Pflegewissenschaftlerin: „Ohne die Politik geht es nicht, die strukturellen Rahmenbedingungen müssen stimmen.“

 

Sie interessieren sich für das Thema „Vereinbarkeit von Beruf und Pflege“?

Für alle Fragen rund um das Landesprogramm steht Ihnen Bianca Heep unter der Telefonnummer 030 / 2218298 30 oder per E-Mail an berufundpflege@kda.de gerne zur Verfügung.

 

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